Urban Jungle versus Blüten-Nostalgie

 


"Wir wohnen draußen und gärtnern drinnen“, sagt Gartenfachberater Willi Frickh diesmal in seiner Rubrik*). Im Winter wohnen wir zwar weniger draußen, obwohl Grillen im Schnee im Trend liegt. Aber das Zimmergart’l erlebt eine Renaissance mit ganz unterschiedlichen Formen. Während die nostalgischen Blütenpflanzen wie Azaleen, Zyklamen und Usambaraveilchen nach einer Pause im Abseits wieder begehrte Mitbewohner werden, füllen junge Pflanzenfreaks ihre Studentenwohnungen mit derart vielen Blattpflanzen, dass sie kaum noch einen Fuß in die Türe bekommen.

Fensterblatt und Elefantenohr

Die Bewegung „Urban Jungle“ hat sich zu einem regelrechten Hype entwickelt; im Internet findet man eine Urban-Jungle-Blogger-Seite und auf Instagram wird um die Wette gepostet. Üppig begrünte Wohnzimmerecken sieht man da, Regale mit künstlicher Beleuchtung voll Töpfchen mit Arten von Fensterblatt (Monstera), Blattschmuckbegonien, Elefantenohr (Alocasia), Ufopflanzen (Pilea) und von der Decke baumelnde Grünlilien oder Tradeskantien. Die sogenannten Influencer sind zu „Plantfluencern“ mutiert. Haben Sie schon einmal vom Monstera-Monday gehört? Da werden neben der Grünpflanze auch noch allerhand Waren präsentiert, die mit den typischen „Fensterblättern“ verziert sind, wie T-Shirts, Tassen, Schmuck. Ob das noch alles im grünen Bereich ist? Eines jedenfalls steht fest: Nicht nur Corona lässt Zimmerpflanzen digital erblühen. Erst kürzlich eröffnete in bester Wiener Lage in der Neustiftgasse auf zwei Etagen das Calienna, ein käuflicher Stadt-Dschungel mit Buchangebot und Kaffeebar.

Omas Blütenrausch sorgt für Furore

Vielleicht nicht oder noch nicht ganz so trendig ist der Weg zurück zur Nostalgie am Fensterbrett. Die Erinnerung an die Zeit unserer Großmütter, die liebevoll ihre Fensterbänke hegten und pflegten, holt uns trotzdem ein. Diese einfühlsame Fürsorge, die alles und jedes zum Blühen bringen konnte, strahlte damals Zuversicht und schlichtes Glück aus. Und schön waren die duftenden Alpenveilchen (Cyclamen) und Zimmer-Almrausch (Azaleen) allemal.

Bei meiner Oma gab es auch das hingebungsvoll über die Untertasse gegossene Usambaraveilchen mit samtigen Blättern, und meine Urgroßmutter zog jeden Winter Amaryllis zwischen den Doppelfenstern. Drinnen zu gärtnern ist eben ein gutes Gefühl, egal in welcher Generation und in welchem Jahrhundert!

*) Rubrik „Der Gartenfachberater schaut genauer hin“ auf Seite 22. Weitere Infos zur „Nostalgie am Fensterbrett“ finden Sie auch in der Dezember-Ausgabe des Magazins „Servus in Stadt und Land“.